Von Silvano Grimaldi, CEO des unabhängigen Vermögensverwalters Grimaldi & Partners AG.
Zürich – Ein Rückblick auf 2023 und ein Ausblick auf das neue Börsenjahr 2024. Wird dieses durch die US-Präsidentschaftswahl geprägte Jahr positiv enden? Welche Risiken und Chancen sollten Anleger berücksichtigen? Silvano Grimaldi, CEO des unabhängigen Schweizer Vermögensverwalters Grimaldi & Partners AG, beantwortet diese Fragen.
Geduldige Aktienanleger wurden 2023 belohnt
Wiederholte Aussagen der US-Notenbank, der Europäischen Zentralbank und der Schweizerischen Nationalbank, wonach die Leitzinsen längere Zeit hoch bleiben würden, führten zu sinkenden Aktienkursen und steigenden Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen.
Anleger reagierten auf die höheren Renditen, indem sie den Anteil von Staats- und Unternehmensanleihen in ihren Portfolios erhöhten.
Da der Markt für Anleihen in Schweizer Franken vergleichsweise klein ist, wählten viele Anleger auf der Suche nach höheren Renditen auch Anleihen in US-Dollar oder Euro.
Der anhaltende Rückgang der Inflationsraten und die daraus entstandenen Markterwartungen baldiger Leitzinssenkungen durch Fed, EZB und SNB führten in den letzten Wochen des Jahres jedoch zu deutlichen Kursgewinnen bei Aktien und Anleihen.
Dadurch wurde der mögliche Renditevorsprung von Aktien gegenüber Staats- und Unternehmensanleihen wieder erheblich grösser.
Geduldige Anleger, die trotz der lange vorherrschenden Anlageempfehlungen an ihrer Aktienquote festhielten, wurden dafür zum Jahresende letztlich belohnt.
Welche Entwicklungen sind in den ersten Monaten 2024 zu erwarten?
Die Zentralbanken sind hinsichtlich der künftigen Entwicklung von Wirtschaftswachstum und Inflation weiterhin etwas unsicher.
Bislang scheinen sich die Leitzinserhöhungen der Zentralbanken nur in wenigen Bereichen deutlich auf die Realwirtschaft ausgewirkt zu haben.
Insbesondere der private Konsum und die Arbeitsmärkte zeigten vergleichsweise geringe Auswirkungen der höheren Zinsen.
Die Zentralbanken befürchten vor allem, dass ein anhaltendes Lohnwachstum zusätzlichen Inflationsdruck erzeugen könnte.
Solange die Verbraucherpreisinflation in den USA, im Euroraum und in der Schweiz über den Zielwerten der Zentralbanken liegt, dürften Fed, EZB und SNB ihre Zinserhöhungspausen daher weiter verlängern.
Die für 2024 erwarteten Leitzinssenkungen sind an den Finanzmärkten bereits weitgehend eingepreist.
Deshalb dürften die Aktienkurse zunächst kaum deutlich steigen.
Weitere Zuwächse könnten erst nach den ersten Leitzinssenkungen, möglicherweise bereits relativ früh im Jahr, und bei besserem Verbrauchervertrauen in die künftige Wirtschaftsentwicklung eintreten.
Zunehmende Anzeichen einer spürbaren Verlangsamung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität sprechen für bevorstehende Zinssenkungen.
Die US-Notenbank erwartet für 2024 inzwischen stärkere Zinssenkungen als zuvor. Der mittlere Leitzins wird derzeit bei rund 4,6 % erwartet.
Auch im Euroraum und in der Schweiz zeichnen sich deutlichere Anzeichen einer Konjunkturschwäche ab. In beiden Währungsräumen sind daher im Jahresverlauf Leitzinssenkungen wahrscheinlich.
Tiefere Zinsen sollten eine wirtschaftliche Erholung in den USA, im Euroraum und in der Schweiz unterstützen.
Im weiteren Jahresverlauf sind in diesen Volkswirtschaften daher höhere Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts zu erwarten.
Zudem scheint sich die Weltwirtschaft derzeit günstiger zu entwickeln als zuvor prognostiziert.
Ein wesentlicher Grund für diese Einschätzung ist, dass die Weltwirtschaft erheblich von der beginnenden Erholung in China und eng mit dem Land verbundenen Schwellenländern profitieren könnte.
Anleger sollten auch 2024 Aktien bevorzugen
Der Abwärtstrend bei den Anleiherenditen dürfte sich im neuen Jahr fortsetzen.
Selbst wenn die Inflation weiter zurückgeht, dürften Staatsanleihen aus Renditesicht vergleichsweise unattraktiv bleiben.
Einige Anleger könnten zur Diversifikation dennoch Hochzinsanleihen von Emittenten mit als gering eingeschätztem Ausfallrisiko wählen.
Anleger sollten auch die Kosten einer Währungsabsicherung für nicht in Schweizer Franken gehandelte Anleihen berücksichtigen, da diese die Rendite schmälern.
Erträge aus Kursgewinnen und Ausschüttungen von Aktien sind im Allgemeinen deutlich höher als jene von Anleihen.
Wer mit dem Kauf von Aktien wartet, bis die wirtschaftliche Erholung in veröffentlichten Daten klar sichtbar wird, dürfte Chancen nahezu sicher verpassen.
Neben einer unterstützenden Geldpolitik bleiben Unternehmensgewinne 2024 einer der wichtigsten Treiber der Aktienkurse.
Die meisten Gewinnschätzungen für das Jahr sind weitgehend unverändert und erscheinen weiterhin vielversprechend.
Auch die US-Präsidentschaftswahl könnte die Finanzmärkte positiv beeinflussen.
Die Regierung von Präsident Biden dürfte versuchen, einen möglichen Konjunkturabschwung in den ersten Monaten des Jahres zu verhindern.
Falls sich die Konjunkturaussichten gegen Ende 2024 deutlich verbessern und die Richtung der US-Politik nach der Wahl klarer wird, könnten die Aktienkurse wesentlich höhere Niveaus erreichen.
Die erwarteten Kursgewinne könnten auch durch das umfangreiche Kapital gestützt werden, das derzeit in den USA, im Euroraum und in der Schweiz in kurzfristigen Geldmarktinstrumenten angelegt ist.
Ein erheblicher Teil dieses Kapitals könnte später wieder in Aktien investiert werden.
Fazit
Selektiv ausgewählte Aktien von US-Unternehmen könnten trotz des damit verbundenen Währungsrisikos attraktiv bleiben.
Dies gilt besonders für erfolgreiche Technologieunternehmen wie Alphabet und NVIDIA.
Allerdings gibt es auch in Europa sehr erfolgreiche Unternehmen dieses Sektors, darunter SAP und Siemens.
Aufgrund ihrer vergleichsweise niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisse könnten europäische Aktienmärkte ein grösseres Kurspotenzial bieten.
Aus Risiko-Rendite-Sicht erscheinen Schweizer Qualitätsaktien besonders attraktiv.
Viele Schweizer Unternehmen sind gut diversifiziert und nehmen in ihren jeweiligen Märkten eine starke Stellung ein.
Ihre Entwicklung hängt häufig stärker von der Weltwirtschaft als von der heimischen Schweizer Konjunktur ab.
Die Gewinnprognosen für viele dieser Unternehmen bleiben für die kommenden Monate ausserordentlich stark, auch dank ihrer robusten Gewinnmargen. In vielen Fällen sind die Einkaufskosten stärker gesunken als die Verkaufspreise.
Daher sind auch 2024 hohe Ausschüttungen an Aktionäre zu erwarten.
In der Schweiz gibt es weiterhin zahlreiche Unternehmen, deren Aktien attraktive Dividendenrenditen bieten, ohne die langfristige finanzielle Stabilität dieser Unternehmen zu gefährden.
Anleger sollten weiterhin in Aktien solcher Unternehmen investieren, selbst wenn deren Kurse zuletzt bereits etwas gestiegen sind.
Haftungsausschluss
Dieser Artikel stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der genannten Wertpapiere dar.
Anlageentscheidungen liegen in der Verantwortung der Anleger. Vor einer Investition in einzelne Aktien oder andere Finanzprodukte empfehlen wir eine umfassende Beratung durch eine qualifizierte Fachperson.